AG-Schule mit Courage: Erinnern ist ein Schritt der Versöhnung
Am Montag, den 11. Mai 2026, besuchte die AG-Schule mit Courage mit acht Schülerinnen und Schülern des Jahrgangs 8 und 11 der Gesamtschule Talsand die Französische Botschaft in Berlin. Anlass war die Eröffnung der Ausstellung „Rafle du billet vert“ mit einem Zeitzeugenbericht von Frau Liliane Ryszfeld, der Tochter von Mosjez Stoczyk.
Erst kürzlich erhielt das Mémorial de la Shoah in Paris 98 wiedergefundene Fotos der „Rafle du billet vert“ vom 14. Mai 1941 in Paris. Diese Razzia war bis dahin kaum bekannt, obwohl sie die erste große Razzia im Rahmen der systematischen Verfolgung und Ermordung der Juden in Frankreich darstellte. Beauftragt wurde sie von Theodor Dannecker, einem Vertreter Adolf Eichmanns, der nach Paris entsandt worden war.
6700 jüdische Männer osteuropäischer Herkunft wurden von der französischen Polizei unter dem Vorwand einer Statusüberprüfung mit einem grünen Schein („billet vert“) zu einer Versammlung einbestellt. Sie sollten in Begleitung einer Bezugsperson erscheinen. 3.747 der einberufenen Männer folgte dem Aufruf ahnungslos – viele von ihnen hatten 1939 für Frankreich gekämpft und hofften auf eine Verbesserung ihrer Situation. Doch es handelte sich um eine gemeine Falle: Die Männer wurden in eine Turnhalle gebracht, während die Frauen nach Hause geschickt wurden, um warme Decken, Kleidung und Proviant für zwei Tage zu holen. Als sie zurückkehrten, durften sie nicht mehr zu ihren Männern und wurden abgewiesen. Die Männer wurden stattdessen in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande deportiert und ein Jahr später nach Auschwitz.
Die ausgestellten Fotos zeigen die offiziellen deutschen Vertreter, französischen Polizisten und die abschiednehmenden Familien. Aufgenommen wurden sie von Harry Corner, einem deutschen Fotografen, der im Auftrag der deutschen Propaganda arbeitete. Nur fünf der Aufnahmen wurden veröffentlicht, der Rest wurde zensiert. Corner, dessen Vater Jude war, dokumentierte die menschlichen Dramen und wurde später suspendiert und in ein Arbeitslager gebracht.
Der Wert dieser Bilder ist unschätzbar, da es nur sehr wenige fotografische Zeugnisse der Durchführung der „Endlösung der Judenfrage“ in Frankreich gibt. Corner hielt alle Phasen der Razzia fest. Zum Vergleich: Von der „Rafle du Vél d’Hiv“, bei der 13.000 Menschen deportiert wurden, existiert bis heute nur ein einziges Foto.
Die Ausstellung wird in Frankreich nicht nur für Schülerinnen und Schüler didaktisch aufbereitet, sondern dient auch der Ausbildung von Polizisten. Ziel ist es, sie für Situationen zu sensibilisieren, in denen Ungehorsam gegenüber unmoralischen Befehlen angemessen ist.
Besonders berührend war der Bericht von Lior Lalieu, der Verantwortlichen der Fotothek des Mémorial de la Shoah, die über das Auffinden der Fotos berichtete. Doch der Zeitzeugenbericht von Liliane Ryszfeld war zutiefst bewegend. Sie erzählte von der Liebe ihres Vaters, die er ihr in zahlreichen Briefen aus dem Lager bezeugte, sowie von seinem unerschütterlichen Optimismus. Noch ein Jahr vor seiner Deportation nach Auschwitz schickte er ein Gruppenfoto mit der Aufschrift: „Ein Urlaubsfoto für Euch, die ich liebe, aus dem Lager.“ Er kehrte nicht zurück. „Die Rafle du billet vert“ hat mein Leben verändert und ist die Ursache all meiner Alpträume.“
Liliane Ryszfeld selbst überlebte, indem sie in einem christlichen Waisenhaus in der freien Zone Frankreichs drei Jahre versteckt lebte – getarnt als Christin.
Ihren Rat an die Jugend formulierte sie klar: „Nutzt eure Zeit und lest viel.“
Die Ausstellung in der Rue de France in der Französischen Botschaft nutzt die baulichen Gegebenheiten auf eindrucksvolle Weise. Ritze in den Wänden wurden genutzt, um Texte zu platzieren, Tondokumente von Zeitzeugenberichten ergänzen die Fotos, und der Blick von der Empore der Turnhalle der 800 in die Falle gelockten Männer wurde auf der großen Fensterfläche oberhalb der Straße eindrucksvoll inszeniert. Die Fotos selbst sprechen für sich.
Wir bedanken uns ganz herzlich bei allen Beteiligten an dieser Ausstellungseröffnung und fühlen uns geehrt, wieder Gast in der Französischen Botschaft gewesen zu sein.
Wir bedanken uns sehr herzlich für die Einladung durch die Französische Botschaft für diese sehr besondere Möglichkeit an diesem deutsch-französischen Gedenken an die ermordeten Juden in Europa teilzunehmen zu dürfen und für die Gastfreundschaft in den Räumen der Französischen Botschaft sowie für die sehr interessante Führung durch die Räumlichkeiten der Französischen Botschaft!
Wir möchten uns herzlich bei der CIVS (Commission pour l’indemnisation des victimes de spoliations antisémites) der Französischen Botschaft für die erneute Einladung zu einer bedeutenden Veranstaltung bedanken. Als Schule aus Brandenburg sind wir sehr dankbar für die kontinuierliche Möglichkeit, an solch wertvollen Bildungsangeboten teilnehmen zu können, die unseren Schülerinnen und Schülern einzigartige Begegnungen mit der Geschichte im Rahmen der AG Schule mit Courage sowie der DELF-AG ermöglichen.
Am 10. Februar 2026 um 18:00 Uhr waren wir eingeladen, gemeinsam mit unseren Schülerinnen und Schülern die Vorführung desDokumentarfilms „Le projet“ von Regisseurin Margaux Chouraqui im City Kino Wedding in Berlin (Müllerstraße 74, 13349 Berlin) zu besuchen. Die Veranstaltung war für Schulen kostenlos, und der französischsprachige Film wurde mit deutschen Untertiteln gezeigt, was ihn für unsere Schülerschaft gut zugänglich machte.
Der Film „Le projet“
Die Protagonisten:
„Le projet“ ist ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm, der sich als Bildungsinstrument zur Vermittlung europäischer Geschichte an junge Menschen versteht. Der Film erzählt eine bemerkenswerte menschliche Erfahrung und schafft einen Dialog zwischen den Erinnerungen an die Shoah und den Algerienkrieg, die mit der Vielfalt der Einwanderungsgeschichten der Schülerinnen und Schüler des Collège Flaubert in Resonanz treten.
Im Zentrum des Films steht Izio Rosenman, ein polnisch-jüdisches Kind, das das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat und seit 1953 im Viertel des Collège Flaubert lebt. Nach seiner Begegnung mit Kamel Chabane – einem Bewohner desselben Viertels, der Historiker wurde, um das tragische Verschwinden seines Vaters zu verstehen, der im Algerienkrieg als Soldat eingezogen worden war – entschied sich Izio Rosenman zu einem außergewöhnlichen Schritt: Er würde zum ersten Mal in seinem Leben vor Schülerinnen und Schülern als Zeitzeuge auftreten.
Das Projekt:
Izio Rosenman beteiligte sich am Projekt einer neunten Klasse des Collège Flaubert. Gemeinsam mit den Jugendlichen reiste er nach Buchenwald, wo er seine Lebensgeschichte erzählte – von seiner Kindheit im Ghetto bis zu seinen Erfahrungen im Konzentrationslager. Die Besonderheit: Die Schülerinnen und Schüler, die ihn filmten, waren etwa so alt wie Izio Rosenman während des Zweiten Weltkriegs. Diese Perspektive schafft eine einzigartige emotionale Verbindung und macht die Geschichte für junge Menschen unmittelbar nachvollziehbar.
Wirkung des Films:
Der Film dokumentiert eindrucksvoll, wie dieses Projekt alle Beteiligten verändert hat. Er zeigt die transformative Kraft der Begegnung mit Zeitzeugen und die Bedeutung der aktiven Auseinandersetzung mit Geschichte. Die Schülerinnen und Schüler des Collège Flaubert – mit ihren vielfältigen familiären Migrationsgeschichten – finden in Izio Rosenmans Erzählung Anknüpfungspunkte zu ihren eigenen Erfahrungen von Flucht, Vertreibung und Neuanfang.
Die Podiumsdiskussion
Im Anschluss an die Filmvorführung fand eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion statt, die den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit bot, direkt mit den Beteiligten ins Gespräch zu kommen:
Izio Rosenman – Überlebender von Buchenwald und Protagonist des Films:
Seine Anwesenheit war ein besonderes Geschenk. Die Schülerinnen und Schüler konnten einem Menschen begegnen, der als Kind die Schrecken des Holocaust überlebt hat und nun, im hohen Alter, seine Geschichte mit jungen Menschen teilt. Seine Bereitschaft, nach Jahrzehnten des Schweigens zu sprechen, zeugt von großem Mut und dem Willen zur Weitergabe der Erinnerung.
Margaux Chouraqui – Regisseurin des Films:
Die Filmemacherin gab Einblicke in die Entstehung des Projekts und die filmische Umsetzung. Sie erklärte ihre künstlerischen Entscheidungen und die Herausforderungen, ein so sensibles Thema mit Jugendlichen zu bearbeiten. Ihre pädagogische Herangehensweise machte deutlich, wie Film als Medium der Geschichtsvermittlung funktionieren kann.
Kamel Chabane – Historiker und Initiator des Projekts:
Als Historiker und selbst Kind eines Opfers des Algerienkriegs verkörpert Kamel Chabane die Verbindung verschiedener Erinnerungskulturen. Seine persönliche Geschichte und sein wissenschaftlicher Zugang zeigten, wie individuelle Betroffenheit zu historischer Forschung und pädagogischem Engagement führen kann. Die Vorgehensweise von Claude Lanzmann inspirierte ihn hierbei sehr. Die Frau von Claude Lanzamnn war bei der Vorführung auch zugegen.
Dr. Ulrich Baumann – Kurator der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas:
Als Experte für Holocaust-Erinnerung und Gedenkstättenarbeit konnte Dr. Baumann die historischen Ereignisse einordnen und die Bedeutung von Erinnerungsorten wie dem Holocaust-Mahnmal in Berlin erläutern. Seine Perspektive verdeutlichte die Notwendigkeit institutionalisierter Erinnerungsarbeit.
Bedeutung für unsere Schule
Die Teilnahme an dieser Veranstaltung war für unsere Schülerinnen und Schüler aus mehreren Gründen von großer Bedeutung:
Authentische Begegnung mit Geschichte:
Die Möglichkeit, Izio Rosenman persönlich zu begegnen, ist angesichts der immer kleiner werdenden Zahl von Zeitzeugen ein unschätzbares Privileg. Solche Begegnungen hinterlassen nachhaltigere Eindrücke als jeder Geschichtsunterricht im Klassenzimmer.
Multiperspektivität:
Der Film und die Diskussion zeigten verschiedene Perspektiven auf Geschichte: die des Überlebenden, die der nachfolgenden Generation, die der Wissenschaft und die der künstlerischen Vermittlung. Diese Vielfalt fördert differenziertes historisches Denken. Fragen nach der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der BRD, der DDR, Polens und weiterer Länder wurden eenso erörtert, wie Fragen nach dem Gegenteil von Liebe.
Aktualität und Lebensweltbezug:
Die Verbindung zwischen der Geschichte der Shoah und den vielfältigen Migrationsgeschichten heutiger Schülerinnen und Schüler macht deutlich, dass Geschichte nicht abstrakt ist, sondern konkrete Menschen und ihre Familien betrifft.
Methodische Anregungen:
Der Film zeigt eindrucksvoll, wie Schülerinnen und Schüler selbst zu Produzenten von Geschichtsvermittlung werden können. Das Projekt des Collège Flaubert kann als Inspiration für eigene schulische Projekte dienen.
Französischsprachige Bildung:
Für unsere Französischlernenden war der Film (mit deutschen Untertiteln) eine wertvolle Gelegenheit, ihre Sprachkenntnisse in einem authentischen Kontext anzuwenden und gleichzeitig Einblicke in die französische Erinnerungskultur zu gewinnen.
Dank an die Französische Botschaft, die CIVS und das Institut français:
Wir möchten uns ausdrücklich bei Herrn Julien Acquatella CIVS und Frau Gabrielle Lefèvre vom Institut français und der Französischen Botschaft für diese erneute Einladung bedanken. Die kontinuierliche Zusammenarbeit ermöglicht es unserer Schule, regelmäßig an hochwertigen Bildungsveranstaltungen teilzunehmen, die weit über das hinausgehen, was im regulären Unterricht möglich ist.
Besonderer Dank gilt:
Der CIVS für die Organisation und die kostenlose Bereitstellung der Veranstaltung für Schulen.
Der Französischen Botschaft für ihr Engagement in der deutsch-französischen Bildungsarbeit und Erinnerungskultur.
Dem Institut français für die Koordination.
Den Podiumsteilnehmern, insbesondere Izio Rosenman, für ihre Bereitschaft, mit jungen Menschen in Dialog zu treten.
Frau Dana Chanussot vom City Kino Wedding für den kostenlosen Eintritt.
Diese Veranstaltungen sind für eine Schule aus Brandenburg, die nicht in unmittelbarer Nähe zu Berlin liegt, besonders wertvoll. Sie ermöglichen unseren Schülerinnen und Schülern Zugang zu Bildungsangeboten, die sonst schwer erreichbar wären.
Nachbereitung und Ausblick
Im Anschluss an die Veranstaltung haben wir im Unterricht ausführlich über den Film und die Diskussion gesprochen. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre Eindrücke reflektiert und diskutiert, welche Bedeutung Zeitzeugenarbeit und Erinnerungskultur für sie persönlich haben. Wir werden den Film „Le projet“ sicherlich noch viele Jahre in unserem Unterricht verwenden, da er nun auch öffentlich eingestellt wurde.
Fazit
Die Filmvorführung von „Le projet“ und die anschließende Podiumsdiskussion waren eine außerordentlich wertvolle Erfahrung für unsere Schülerinnen und Schüler. Der Film zeigt eindrucksvoll, wie Geschichtsvermittlung gelingen kann, wenn sie auf persönlichen Begegnungen, Empathie und aktivem Engagement basiert.
Die Veranstaltung hat unseren Schülerinnen und Schülern vor Augen geführt, dass:
Geschichte nicht abstrakt ist, sondern konkrete Menschen betrifft
Zeitzeugen unersetzliche Vermittler von Erinnerung sind
Junge Menschen aktiv an Erinnerungsarbeit teilhaben können
Verschiedene Erinnerungskulturen (Shoah, Kolonialismus, Migration) miteinander verbunden sind
Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus notwendig und möglich ist
Wir freuen uns sehr auf weitere Einladungen der CIVS und der Französischen Botschaft und hoffen, dass diese wertvolle Zusammenarbeit fortgesetzt werden kann. Als Schule aus Brandenburg sind wir besonders dankbar für diese Möglichkeiten, die unseren Schülerinnen und Schülern Horizonte eröffnen, die über den regulären Unterricht weit hinausgehen.
Die Veranstaltung hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig außerschulische Lernorte und Kooperationen mit Institutionen wie der Französischen Botschaft für eine umfassende Bildung sind. Sie ergänzen den Unterricht nicht nur, sondern sind ein unverzichtbarer Bestandteil einer Bildung, die junge Menschen zu mündigen, empathischen und engagierten Bürgern erzieht.
Herzlichen Dank für diese wertvolle Erfahrung und die kontinuierliche Unterstützung unserer pädagogischen Arbeit!
Am 15. Dezember 2025 waren wir, die DELF-AG und die AG Schule mit Courage der Gesamtschule Talsand, in die Französische Botschaft in Berlin eingeladen, um einem besonderen Zeitzeugenbericht beizuwohnen. Vertreter des „Collectif Saint-Jean“ schilderten die Geschichte der Razzien, die sich zwischen dem 22. und 24. Januar 1943 in den alten Vierteln in Marseille ereigneten. Schüler und Schülerinnen Berliner und Brandenburger Schulen waren geladen. Die Razzia vom 21. Januar 1943 im alten Hafengebiet Saint-Jean in Marseille wurde von überlebenden Zeitzeugen eindringlich dargestellt. Es ging darum, an ein fast in Vergessenheit geratenes Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu erinnern. Der Abend bildete den Abschluss einer Veranstaltungsreihe, deren Angebote die Gesamtschule Talsand dieses Jahr vollumfänglich genutzt hat. Im Rahmen der Erinnerungsarbeit rund um 80 Jahre der Befreiung waren vielfältige Veranstaltungen im Jahr 2025 durchgeführt worden.
Herr Antoine Mignemi und Frau Suzanne Fritz
Die brutalen und mörderischen Aktionen, die auf Anweisung der französischen Regierung und der nationalsozialistischen Besatzungstruppen mit dem Ziel durchgeführt wurden, das alte Hafenviertel von Marseille zu „säubern“ stellt ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Die Bewohner des Viertels Saint-Jean am Hafen von Marseille wurden deportierten und das Viertel anschließend gesprengt. Nur das Rathaus blieb verschont. In diesen engen Gassen lebte eine bescheidene und internationale Bevölkerung unterschiedlicher Religionen, einschließlich der Juden, und viele hofften, mit einem Schiff von dort Europa verlassen zu können. Die Zeitzeugen schilderten ihr bescheidenes, aber glückliches Leben in diesem Hafenviertel vor der Razzia. Claude Arovas, Überlebender der Shoah – seine Eltern fielen der Shoah zum Opfer -, Antoine Mignemi – Vorsitzender des „Collectif Saint-Jean 24 janvier 1943“ – und Suzanne Fritz berichteten von der Razzia, die sie als Kinder miterlebten.
Julien Acquatella (CIVS), Antoine Mignemi, Suzanne Fritz, Claude Arovas, Gerard Agresti, Frau Lena Guyomaec’h
Am Sonntag, den 24. Januar 1943, wurden 20.000 Männer, Frauen und Kinder jeden Alters aus ihren Wohnungen geholt, festgenommen und größtenteils ins Lager Fréjus deportiert. Am 17. Februar 1943 wurde das Viertel gesprengt: 1.500 Häuser und 850 Geschäfte wurden auf 14 Hektar wurden zerstört. 82 Straßen und Plätze verschwanden vom Stadtplan. Die Bewohner wurden von Fréjus in Konzentrationslager nach Sachsenhausen, Mauthausen, Buchenwald, Sobibor, Neuengamme und Stutthof deportiert und ermordet.
Pascal Luongno
Erst 2019 erhob der Anwalt Pascal Luongo Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, um sicherzustellen, dass diese Razzia nicht in Vergessenheit gerät und sich die Geschichte nicht wiederholt. Das „Collectif Saint-Jean 24 janvier 1943“ wurde gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, die Erinnerung an dieses Verbrechen aufrechtzuerhalten und in den Schulen darüber zu berichten. Dieses bewegende Zeitzeugengespräch vergegenwärtigte die Brutalität dieses geschichtlichen Ereignisses aufs Deutlichste und regte intensiv zum Nachdenken über den Begriff der „Unerwünschten“ und über die Weitergabe dieser Erfahrungen zwischen den verschiedenen Generationen beider Länder an.
Ruth Weiss war mehr als eine Zeitzeugin des Holocaust – sie war eine Stimme der Haltung. 101 Jahre Mut, Menschlichkeit und Widerstand gegen Rassismus und Antisemitismus. Leider ist sie am 05. September 2025 verstorben, so dass wir dem „Zweitzeugen“, ihrem langjährigen Freund und Lektor Lutz Kliche lauschen konnten, der mit Ruth Weiss noch das Buch
„Erinnern heißt handeln – Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit“
herausbrachte. Zusätzlich unterstütze Herr Jörg Stopa von der RAA Brandenburg die Diskussion. Er ist zertifizierter Mediator / Konfliktmanager und Anti-Bias-Multiplikator. Gefördert wurde die Veranstaltung vom Bildungsministerium.
Jörg Stopa und Lutz Kliche
Am Dienstag, den 16.12.2025 brachte Lutz Kliche seinen Erfahrungsschatz in Bezug auf Ruth Weiss Leben zu uns an die Talsandschule: Mit Auszügen aus dem Buch, Original-Audiozitaten von Ruth Weiss und einem offenen Gespräch über Menschenwürde, Demokratie und Zivilcourage berichtete Lutz Kliche im Rahmen der AG-Schule mit Courage in der Aula vor interessierten Schülern und Schülerinnen.
Es ging nicht um Vergangenheit als Pflichtstoff – sondern um Erinnerung als Haltung.
Ruth Weiss war unermüdlich in ihrem Engagement gegen Ausgrenzung, Rassismus und Antisemitismus.
Die Themen waren vielfältig: Geschichte der Juden in Fürth, der Nationalsozialismus in Deutschland, insbesondere der Reichstagsbrand 1933 und die Etablierung der NS-Herrschaft, das Propagandablatt „Der Stürmer“ und dessen Gründer und Herausgeber Julius Streicher, der Judenboykott am 1.4.1933, die Nürnberger Gesetze von 1935 und die Apartheid in Südafrika, Apartheid als staatlich festgelegte und organisierte rassistische Diskriminierung.
Die Zeit verging wie im Flug, wir wünschen uns im neuen Jahr eine Fortsetzung!